Der Nachtwächter von Neustadt-Glewe

Vor langer, langer Zeit, da lebte in Neustadt-Glewe ein Nachtwächter. Obgleich die Tätigkeit eines Nachtwächters bekanntermaßen zu den unehrlichen Berufen zählte, war dieser eine durchaus beliebt in der Stadt. Denn er tat, wie ihm geheißen, und er erledigte seine Pflichten gewissenhaft. Mit seiner Hellebarde, seiner Laterne und seinem Horn zog er des Nachtens durch die Straßen und sorgte für Ordnung und Sicherheit. Er warnte die Leute vor Gefahren und versicherte sich stets, ob alle Tore gut verschlossen waren. Bisweilen nahm er eine Hexe gefangen oder beschützte das Burgfräulein, wenn es zu später Stunde noch seiner Wege ging. Selbst am Tage war er sich nicht zu schade, Fremde durch die Straßen zu führen und ihnen die prachtvolle Stadt zu zeigen. So ward er für Neustadt-Glewe eine wichtige Stütze und wurde gern gesehen. Jedoch führte er ein bescheidenes Leben, wie es bei Nachtwächtern so üblich war.
Weil die Bürger von Neustadt-Glewe so stolz auf ihre Stadt waren und dies gern allen kundtun wollten, entsandten sie ihren treuen Nachtwächter zunehmend an entlegene Orte. Dort erzählte er den Leuten von der Schönheit seiner Heimatstadt und von deren feierlichen Spektakeln, die Jahr für Jahr dort stattfanden. Damit lockte er weitere Besucher in die Stadt und die Bürger waren zufrieden. Drum sollte er zusätzlich aus der Stadtkasse für seine Mühen entlohnt werden. Wenngleich der Nachtwächter also im Allgemeinen zu den unehrlichen Berufen zählte, vertrauten die Bürger von Neustadt-Glewe ihrem speziellen Nachtwächter immer mehr und übertrugen ihm darüber hinaus noch mehr Verantwortung. So wuchsen sein Einfluss und sein Ansehen und der Nachtwächter tat, was ihm aufgetragen wurde.
Doch mit der Zeit wurde der Nachtwächter gierig. Besudelt von seinem zunehmenden Einfluss auf das Stadtgeschehen befand er immer häufiger, dass seine Entlohnung für seine Arbeit zu gering ausfiel. So beschloss er eines Tages, die Bürger von Neustadt-Glewe zu betrügen und bereicherte sich heimlich aus der Stadtkasse. Mit viel List und Tücke gelang ihm das auch eine ganze Zeit lang, ohne dass irgendjemand etwas bemerkte. Bald jedoch übertrieb es der Nachtwächter und sein Schwindel flog auf. Schlussendlich wurde seine Gier dann doch zu groß. Die Bürger von Neustadt-Glewe waren entsetzt und enttäuscht von ihrem doch ach so geschätzten Nachtwächter. Zwar hielten sie seine betrügerischen Taten unter Verschluss und sprachen nicht weiter darüber, dennoch sahen sie sich schließlich gezwungen, den Nachtwächter zu entlassen. Dermaßen in Ungnade gefallen sollte der Nachtwächter seine Dienste sofort niederlegen, doch dieser ließ sich davon wenig beeindrucken. Noch immer schlich er durch die Straßen der Stadt oder geleitete die hohen Herrschaften ungefragt zu feierlichen Anlässen mit seiner Hellebarde, seiner Laterne und seinem Horn.
Aufgrund seiner dreisten Unbelehrbarkeit blieb er schließlich nach wie vor Nachtwächter in Neustadt-Glewe. Aufgrund dessen, dass niemand offiziell über seine Vergehen sprach, gerieten diese alsbald in Vergessenheit. Auch fand sich kein Ersatz für ihn. So blieb der Nachtwächter, wie er war und was er war, verlor zwar an Ansehen und Einfluss, verrichtete aber weiterhin seinen Dienst nach eigenem Ermessen und war bis zuletzt selig darüber, dass die Bürger von Neustadt-Glewe so vergesslich und nachsichtig waren.

Der Nachtwächter von Neustadt-Glewe - Plattdeutsch

Der Nachtwächter von Neustadt-Glewe
Neustadt-Glewe

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