Die Eiche

Hallo!
Ich hoffe du sitzt bequem und hast ein wenig Zeit mitgebracht.
Der Verein „Sagen und Märchenstraße Mecklenburg-Vorpommern e.V . begrüßt dich hier in
Holthusen. Ja, es ist eine sprechende Bank auf der du Platz genommen hast und sie möchte dir eine kleine
Geschichte erzählen.
Wenn du deinen Blick in die Ferne schweifen lässt, entdeckst du auf dem Feld vor dir einen
großen Baum. Eine Eiche und sie steht schon seit vielen Jahren hier. Sie ist nicht ganz gesund,
da sie einst von einem Blitz getroffen wurde. Aber stark wie sie ist, trotzt sie ihren Verletzungen
und präsentiert sich zu jeder Jahreszeit in voller Schönheit.
Eine Frau dieses Dorfes begegnet dieser Eiche immer wieder auf ihren Spaziergängen und
Radtouren.
Eines Tages, es war Herbst, als sie wieder einmal von einem Spaziergang zurückkehrte und auf
mir Platz nahm, sprach diese:
Eiche, groß, dick und alt
Ganz plötzlich zu ihr als Baumgestalt
„Die Zeit steht niemals still,
da kann man machen, was man will.
Nur was jetzt ist, das ist wichtig,
Gestern und Morgen null und nichtig.
Genieße den Tag, wie ich das tu,
wechsle dein Kleid nur ab und zu!“
„Ach Eiche, jetzt gehen sie wieder, die Tage, die langen.
Die dunkle Jahreszeit hat angefangen.
Jetzt wird's wieder kühl und feucht,
man braucht sehr früh im Haus Geleucht.
Pullover, Schal, Stiefel, Mütze,
Sturm, Hagel, Regenpfütze.
Grau und neblig die meisten Tage,
der Sommer ist besser, keine Frage.“
„Du hast Sorgen,“
sprach drauf die Eiche.
„Das ist doch jedes Jahr das Gleiche.
Schau dir an die Farbenpracht,
gelb, grün, rot im Herbst die Tracht,
welche ich trage an Ästen und Zweigen.
Die Schönheit des Moments will ich dir zeigen.
Denn wie gesagt: Nur der Moment, der zählt.
Ein Töricht, wer das Gegenteil wählt.“
Ich ging nach Haus und dachte:
„Interessant, was die Eiche für Worte machte".
Besuchte sie wieder zur Weihnachtszeit,
sie war nackt, ganz ohne Kleid.
Ich sprach leise: „Hey Eiche! Ist dir nicht kalt,
es ist Winter. Der Schnee fällt bald“.
Aber sie antwortete nicht, als ob sie schlief,
obwohl ich mehrmals lauter rief.
Ich ließ sie schlafen im Wintertraum,
und schmückte meinen Weihnachtsbaum.
Schrieb einen Zettel: „Nichts vergessen!“
Was wir brauchen zum Festtagsessen.
Geschenke müssen auch noch her,
damit der Gabentisch richtig schwer.
Und denke an die Worte der Eiche.
„Es ist doch jedes Jahr das Gleiche“…
Die Geschenke, welche ich gemacht,
haben große Freude gebracht.
Essen, Trinken, Völlerei,
zum Jahreswechsel Knallerei.
Gute Vorsätze, Gesundheit und Glück,
kurz darauf im Trott zurück.
Nach Wochen der Kälte und Dunkelheit
begrüßt eine Amsel die Frühlingszeit.
Ich denke mir. „Du musst schau'n wie's der Eiche geht.
Ob sie immer noch ganz nackt da steht?“
Und ging los, der Tag war herrlich,
da stand sie, zart hellgrün, die Blätter spärlich.
„Schau an, mein herrlich grünes Kleid,
willkommen in der Frühlingszeit!
Erzähle mir, wie war's, als ich geruht,
an manchen Tagen mit weißem Hut!?“
„Drei Monate sind schon wieder vergangen,
obwohl das Jahr erst angefangen!
Rasend schnell verging die Zeit,
als du geruht in Einsamkeit.“
Die Eiche sprach mit ernster Stimme.
„Eure Lebensart, die ist das Schlimme!
Ihr rennt und macht in großer Hast,
vor Angst ihr irgendwas verpasst.
Wann lernt ihr es und macht es richtig,
dass eben nur der Moment ist wichtig!
Riechst du die schöne Frühlingsluft?
Tief ins Herz geht dir der Duft.
Hörst du die Vögel am Morgen singen,
wie sie Freude ins Ohr dir bringen?
Siehst du das Grün in Feld und Flur,
oder denkst du an Termine nur?“
„Du hast Recht, du Liebe Eiche,
es ist jedes Jahr das Gleiche!
Die Nachtigall singt ihr Lied bei Nacht,
der Kuckuck sein Ruf tagtäglich macht.
Die Elstern schreien und streiten am Morgen,
ich lieg im Bett und mach mir Sorgen.
Über alles das was wichtig ist,
damit man richtig lebt mit List.“
Die Vögel werden leiser, die Grillen laut bei Nacht,
ich muss mal schauen, was die Eiche macht.
Dunkelgrün und rauschend im Wind,
ruft sie mir zu ein „Hallo“ geschwind.
„Wie läufts bei dir, das Jahr ist halb um?“
Ich steh da und bleibe stumm.
Und denke:
Was gibst du als Antwort?
Sie hat Recht! Ein halbes Jahr ist fort!
“Ja, was soll ich dir sagen,
der Sommer ist heiß, die Mücken plagen.
Man kann nicht schlafen, die Tage noch lang,
der Herbst kommt auch bald, mir wird schon bang.
Die Leute feiern bis spät in die Nacht,
man im Bett kein Auge zumacht.“
„Es ist eben immer das Gleiche“
sagte lachend darauf die Eiche.
„Horch mal! Herrlich zirpen die Grillen,
du kannst sie genießen, ganz im Stillen.
Der Sommerwind mein Kleid lässt Rauschen,
leg dich ins Gras zum Entspannen, Lauschen.
Schau in den Himmel wie die Wolken ziehen,
du wirst in einen Traum entfliehen.“
Ich tat, was die Eiche sagte,
legte mich nieder und ein Träumchen wagte.
Der Himmel war blau, die Wolken zogen,
da haben mich die Gedanken um den Traum betrogen.
Hoffentlich sieht dich keiner, was die Leute wohl denken,
sich am Wegesrand den Hals verrenken.
Warum liegt die da, hat die nichts zu tun,
sich mitten am Tage unterm Baum auszuruhn.
Leute gibt's, ich kann es Euch sagen, denen scheint vor Freizeit nichts zu plagen.
So stand ich auf um nach Haus zu geh'n,
blieb dann steh'n, um mich zur Eiche zu dreh‘n.
Hab sie angeschaut, das Kleid betrachtet.
Warum hast du nicht ihre Worte beachtet?
Es war doch herrlich dort zu liegen,
in der Natur im Traum sich wiegen.
Aber nein! Termine, Sorgen und Gedanken,
bau'n im Leben uns ständig Schranken.
Das sind sie, die ständig auftauchenden Übeltäter,
die uns erinnern lassen im Alter später.
Das viel zu schnell die Zeit vergangen,
das Leben doch grad erst angefangen.
Die Eiche konnte wohl Gedanken lesen
und sprach zu mir, dem Menschenwesen.
„Es ist noch Zeit und nicht zu spät,
beginn zu leben, die Zeit vergeht!“
Da legte ich mich auf die Wiese nieder
und schaute in den Himmel wieder,
lauschte dem Rauschen der Eiche
und dachte:
Immer das Gleiche!
Die Zeit ist vergangen, der Herbst wieder da,
die Blätter gelb, ich denk bei mir
Tja.
So gehen die Jahre verdammt schnell ins Land,
obwohl wir's haben in eigner Hand.
Die Eiche, jetzt wieder im gelben Kleid,
kein Mensch zu sehen weit und breit,
Sprach noch einmal zu ihr ganz klar,
mit Worten sehr deutlich und wirklich wahr:
„Hetz nicht durchs Leben, mach's in Ruh
und hör vor allem deinem Herzen zu.“
Sie hörten eine Geschichte von Torsten Lemke
Es sprachen
Heike Möller als Frau des Dorfes
Torsten Lemke - Stimme der Eiche
Edmund Kotzur - Stimme der Bank und Erzähler
Bearbeitung: Torsten Lemke